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Der Ausstieg

2006

Vollkommener gab es das, was ich vorhatte, wohl nicht einmal in den vor Idealismus strotzenden Lebensbewältigungsratgebern eines gut sortierten Berliner Buchladens. „Brechen Sie aus Ihrem Alltag von Zeit zu Zeit aus, um nicht daran zu ersticken“. Genau das habe ich getan. Ausgebrochen bin ich aus meinen so festgefügten Lebensstrukturen und all ihren oberflächlichen Wichtigkeiten. Nun konnte ich all jene belächeln, die wie versklavt in ihren Büros und Agenturen, in ihren Labors und Plenarsälen saßen und auf einen besseren Tag warteten. So lange, bis sie mit Ende dreißig erkannten, dass der nie kommen wird.

Ich hingegen, ich hatte das gewagt, was man gemeinhin den Bruch in der Biografie nennt. Böse Zungen könnten behaupten, es sei kein richtiger Bruch, erst recht kein Ausbruch, weil ich meine übereilte Flucht aufs Land die letzten vier Jahre geplant habe. Aus denen sprach nichts , als Neid und Zweifel, denn mir sollte in den folgenden Monaten jeder Weg in der Natur offen stehen und danach sicher endlich auch jede Tür, denn ein solcher Bruch in der lückenlosen Lebensgeschichte, der beeindruckt, weil er Charakter beweist.

Dass ich diesen habe, das wusste ich bereits, nur galt es die Umwelt um mich davon zu überzeugen von meinem Durchhaltevermögen und der Offenheit für jede Gegend, in die mich meine Spontaneität tragen sollte. Mein erstes Ziel stand als einziges schon fest, denn es sollte ein Land sein, dessen Mitbürger mir die Gelegenheit geben sollten, meine charakterlichen Qualitäten zu präsentieren: Bayern.

Als ein Hort der „klugen Menschen“ bekannt, musste dieser Flecken Erde einem echten Ökobürger, wie ich zweifelsohne einer war, gerade die Chance zu kontroversen Diskussionen geben. Diskussionen, in die ich als intellektueller Stadtmensch nicht zu altklug gehen durfte, bei denen ich auf der anderen Seite aber die Chance sah, den einen oder anderen erzkonservativen Landwirt zum modernen Biobauern zu bekehren.

Oberstes Gebot musste es dabei sein, dort nicht als unerreichbarer Stadtmensch aufzutauchen, sondern als ein harmloser Wanderarbeiter, der zu jeder Schandtat bereit und zu harter Arbeit in der Lage ist. Außerdem passte diese Variante hervorragend zu meinem damaligen Kontostand.

Meine Reise vollzog sich also stilecht im verträumten Regionalzug, wenn man davon absieht, dass ich meinen lieb gewonnenen Seesack ins Hochgebirge mitnahm. Diese Stilechtheit war zu meinen Mitreisenden allerdings nicht durchgedrungen, die mit Baseballmützen auf dem Kopf und dazu Kaugummi kauend auf den alten Holzbänken saßen. Lediglich der Fahrtwind, der durch die nur spaltbreit zu öffnenden Fenster pfiff und das romantische Schaukeln rückten mein Bild vom Agrarstaat wieder zurecht. Hier hatte sich augenscheinlich in den letzten hundert Jahren nichts verändert. Gut, ein LCD-Bildschirm kündigte touristische Highlights in den kommenden Tagen an, aber den ignorierte ich bereitwillig, ich war schließlich nicht als Pauschaltourist gekommen.

Vermutlich würde ich von alle denen in meinem Abteil, der einzig Ziellose sein, der einzige, der seine Nacht weder in einem Familienhotel, die es hier mittlerweile vereinzelt geben sollte, noch im seit Generationen bewohnten Gehöft verbringt. Das hob mich von ihnen ab, das machte mich ungeheuer stolz. Mein Bett bestand aus irgendeinem Strohhaufen in irgendeiner beliebigen Scheune. Sicher am ersten Abend hatte ich mir gerade noch eine Waldpension zugestanden, da ich nicht sicher sein konnte, sofort einen Bauern zu finden, der mich anstellen und beherbergen würde und einfach so irgendwo einzubrechen, das war selbst mir wildem Anarchisten zu riskant.

Kurz darauf erreichten wir den nächsten Halt, was mir noch gut in Erinnerung ist, da ich mir für mein Abenteuer etwas Mut angetrunken hatte und eben dieser Mut seinen Weg in die Freiheit suchte. Auf die Toilette im Zug wollte ich nicht gehen, da man sicher später nachgewiesen hätte, wer sich da über den Gleisen erleichtert hat. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass neben dem Bildschirm eine weitere Errungenschaft der Nachkriegszeit in diesem Zug Einzug gehalten hatte: das Unterwegs-WC mit Sammeltank und blauer desinfizierender Spülflüssigkeit. In der Hoffnung, der Halt würde einige Minuten dauern rannte ich, so schnell ich konnte an die nächste wiederaufgeforstete Kiefer, genauer an deren dem Bahnhof abgewandte Seite.

Leider hatte auch die Geschwindigkeit der Züge wohl ein klein wenig zugenommen, sodass sich losrennen und in bester Westernmanier aufspringen verbot. Zudem war es nicht Wasserdampf, sondern eine Dunstwolke aus Dieselabgasen, der ich hinterher sah, ob partikelgefildert oder nicht, ließ sich nicht beurteilen.

Eigentlich hätte ich mich über den Zufall freuen müssen, der meiner Spontanität eine Gelegenheit gab sich zu beweisen, doch so ganz ohne menschliche Zivilisation an dieser kleinen Bahnstation zu hocken, war auch nicht mein Ding. Dafür war ich nun so frei, wie ich es sein wollte. Ein durchaus erhebendes Gefühl war das, so ganz auf sich gestellt zu sein, ein Gefühl, wie es vielleicht nur Nomaden kannten, die ihren Stamm verloren hatten, ein Gefühl... das einem Blick nach links nicht standhielt.

„Family Park – Bayernwald“, so zusammengefügt standen 2 Meter große Lettern aus lackiertem Fichtenholz. Ganz so hatte ich mir meinen Ausbruch nicht vorgestellt. Sofort machte ich kehrt, ging zur Bahnstation und stellte mit entsetzen fest, dass die beschauliche Bahn nur alle drei Tage fuhr und zudem auch noch einem Hotelverbund gehörte, der mit exklusiven Ferienparadiesen warb. Tatsächlich gab es kein Haus im Umkreis von drei Kilometern (und weiter wollte ich heut‘ nicht mehr - schon gar nicht zu Fuß), dass nicht irgendwie mit Familienpauschalurlaubern zugesetzt war.

Was blieb mir anderes übrig, als mich für drei Tage einzuquartieren. Ich darf vorwegnehmen, länger dauerte mein Ausbruch dann auch nicht, denn in den ruhigen Nächten fühlte ich mich von der Großstadt allein gelassen. Mir fehlten die scheppernden Laster, die in der Dämmerung, das Gemüse zum Supermarkt an der Ecke lieferten. Mich quälte diese widernatürliche Stille. Erst in der dritten Nacht, kam wieder das bekannte Gefühl auf, als Kreissägen und Planierraupen von der Expansion des Parks kündeten. Mit so etwas habe man in der Nebensaison eben zu rechnen, hieß es am nächsten Morgen.

In diesem Moment wusste ich, es war Zeit für meine nächste spontane Aktion: meine Heimreise. Nur meiner charakterliche Festigkeit stand noch eine letzte Prüfung bevor: meinen Freunden zu schildern, wie ich den Ausstieg vom Ausstieg gewagt hatte. Mir konnte ihr Spott egal sein, denn die Lücke in meinem Lebenslauf existiert, auch wenn sie nur drei Tage lang ist. Allerdings tut es mir etwas um die bayrischen Landwirte leid. Ob sie ahnen, welch Diskussionen und aufregend neue Ideen ihnen entgangen sind? Doch mittlerweile finde ich, man muss auch nicht jedes verschrobene Weltbild ändern, oder?

Vorgelesen am 1.4.2006


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